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Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein (Susanne Reich)

Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein

Als der Krieg zwischen zwei benachbarten Völkern unvermeidlich war, so erzählt ein chinesisches Märchen, da schickten die Feldherren von beiden Seiten Späher aus, um zu erkunden, wo man am leichtesten in das Nachbarland einfallen könne.

Die Kundschafter kehrten zurück und berichteten auf beiden Seiten dasselbe: Es gäbe nur eine Stelle an der Grenze, die sich dafür eigne. „Dort aber,“ sagten sie „wohnt ein braver Bauer in einem kleinen Haus mit seiner anmutigen Frau und seinem kleinen Kind. Es heißt, sie seien die glücklichsten Menschen der Welt. Wenn wir nun über das Grundstück marschieren, dann zerstören wir das Glück. Also kann es keinen Krieg geben.“ Das sahen die Feldherren ein, und der Krieg unterblieb, wie jeder Mensch begreifen wird.

Das klingt in der Tat märchenhaft: Um des Glückes eines einzelnen Menschen willen wird ein ganzer Krieg abgesagt. Das Glück von Menschen wiegt weitaus mehr, als all die Interessen, die mit einem Krieg verfolgt werden. In der Wirklichkeit, das erfahren wir tagtäglich aus den Nachrichten, sieht es da ganz anders aus. Kriege werden uns als unvermeidlich dargestellt, das zerstörte Leben und Glück vieler Menschen als bedauerliche Nebenwirkung in Kauf genommen. Da ist von Notwendigkeiten die Rede, von hohen Zielen, von einem gerechten Krieg des Guten gegen das Böse. Um Wichtigeres scheint es zu gehen als um das Leben und Glück einzelner Menschen.

taube mit zweigGibt es Wichtigeres? Nein, sagt das chinesische Märchen, es gibt keine Interessen, keine noch so hohen Ideale, keine politischen und keine religiösen, die es rechtfertigen, auch nur das Glück eines einzigen Menschen zu gefährden. Vielleicht lässt sich ein solcher Grundsatz in der Realität nicht immer durchhalten, aber sollte er nicht zumindest über allem Denken und Planen und Handeln stehen?

In der Passionszeit, der Zeit im Kirchenjahr, in der wir uns an das Leiden und Sterben Jesu Christi erinnern, steht mir in diesem Jahr mehr denn je das Bild des Gekreuzigten vor Augen. Er, der als Mensch alle Grausamkeit, alles Leid, alle Ungerechtigkeit dieser Welt auf sich genommen hat, um einer kriegerischen Menschheit zu zeigen: Es ist genug. Gott will, dass wir damit ein Ende machen, ein für allemal. Krieg und Leiden und Grausamkeit dürfen nach Gottes Willen nicht sein. Um des Leidens dieses einen Menschen willen, um des Glückes vieler Menschen willen, um Gottes willen: Es soll ein Ende haben.

„Ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, spricht Gott, Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ (Jeremia 29, 11). Die alte Zusage Gottes an sein Volk gewinnt in diesen Tagen neue Aktualität. Sie steht als ein Wort der Mahnung über dem Weltgeschehen, aber auch als ein Wort der Hoffnung, dass sich unsere Welt, entgegen allem Augenschein, doch noch zum Besseren wandeln kann. Zu einer Welt, in der das Glück jedes einzelnen Menschen mehr wiegt als alles andere. Einer Welt, in der Kriege, um der Menschen willen, abgesagt werden.

Ihre Pastorin Susanne Reich