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1. Thess 4, 1-8

Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung,
dass ihr meidet die Unzucht
und ein jeder von euch seinen Partner zu gewinnen suche in Heiligkeit und
Ehrerbietung, nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen.
Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel;
denn der Herr ist ein Richter über das alles,
wie wir euch schon früher gesagt und bezeugt haben.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft
des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen


Liebe Schwestern und Brüder,
das ist schon eine strenge Mahnung, die uns der Paulus uns hier nahelegt - in seinem
wohl ersten Brief, der überhaupt überliefert ist an die Thessaloniken. Er ist an Christen
gerichtet, die aus der griechischen Kultur kamen – und es war für den ursprünglichen
Juden Paulus mit Sicherheit schwer angekommen, welcher Umgang da üblich war -
mit der Sexualität und auch im wirtschaftlichem Handel.

Wenn ich nur an den damals in höheren Kreisen allgegenwärtigen Missbrauch von
Kindern denke, vor allem von Knaben – wie man in dem Zusammenhang so sagt:
Kann man den Überlieferungen glauben wurden bei Festmählern quasi als letzter
Gang Kinder zum sexuellen Vergnügen gereicht. Kinder, die Jesus so am Herzen
lagen. Auch die Prostitution, um die griechischen Tempel auch als religiös überhöhte
Kultprostitution, war unbestrittene Normalität. Das Bild der Frau der Frau aus den
untersten Schichten war grauenhaft: man sah sie tatsächlich abfällig als leeres Gefäß,
Skeuos - das erst der Mann füllen kann. (Gefäß - der Begriff, den Luther hier mit Frau
übersetzte – haben wir in der Lesung gleichberechtigter mit Partner übertragen).
Und auch mit der griechischen Art des Handels hatte Paulus ein Problem: Denn im
Handel galt das schlaue übervorteilen in jedwedem Geschäft als tüchtig – etwas, was
nach den Propheten des ersten Testaments (Amos!) als unmittelbar widergöttlich galt.
Deswegen – und vielleicht auch, weil Paulus mit Ende 30 noch einige Jugendliche
Leidenschaft bewahrt hatte - ließ er sich den griechischen Christen gegenüber hier
deutlich über die Wirtschafts- und Sexualmoral aus. Auch im Blick auf die
Judenchristen, deren Vorwurf gegen griechische Christen er entkräften wollte, dass sie
einer zu großen Freizügigkeit frönen würden.

Seine Gemeinde, seine Christen, sollten das Heil, dass sie durch Jesus gewonnen
haben, in einem heilen Leben zeigen. „Heiligung“ bedeutet bei Paulus zuerst: Durch
Christus geheilt sein, also aus der Liebe Gottes zu mir auch immer mehr das zu leben,
wofür Gott uns bestimmt hat: Nämlich zur Liebe, zu ihm, zum Nächsten, zu sich
selbst.

„Meidet die Unzucht – und jeder gewinne seinen Partner in Heiligkeit und
Ehrerbietung, nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen.“
Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht ist es einmal aufschlussreich für Euch und Sie
selber, in sich nach zu spüren, welche spontane Haltung Sie zu solche einer Mahnung
einnehmen. Welche Menschen oder Gruppen unter uns fühlen sich durch diese
Aufforderung spontan bestätigt?

In vorlaufenden Gesprächen konnte ich vor allem zwei Positionen erkennen:
Einmal die, die Moral für wichtig halten. In der Regel eher positionierte und länger
verheiratete Mitbürger: „Klar, da sieht man ja – schon Paulus hat hier die Grenzen eng
gezogen,“ sagen sie. Und sehen moralisch eher auf den Teil, in dem es um Unzucht
geht. Das mit dem Übervorteilen im Handel wird spontan weniger wahrgenommen.
Zum andern hörte ich die eher Progressiv-Lockeren, die nun sagen: Tscha, da sieht
man, wie weltfremd die Bibel oft ist – einfach historisch bedingt und heute ungültig.
Und vor allem frauenfeindlich. Schließlich benutzt Paulus im Urtext das Wort Gefäß für
„die Frau“. Gefäß! – ja: Leeres Gefäß ist gemeint, das eigentlich erst vom Mann gefüllt
Sinn macht. Schrecklich genug. Das mit dem Handel wäre –sagt der progressive -
allerdings ganz richtig und würde die kapitalistische Verherrlichung von Konkurrenz
und Übervorteilung im Kern treffen.

Wo, liebe Schwestern und Brüder, wo schlägt Ihr Herz - eher?
Dabei wäre Paulus, das ahnen sie sicher, mit beiden Positionen nicht wirklich
getroffen. Denn der Grad, den er hier beschreibt, ist schmal – und keineswegs so breit
wie die Moralkeulen, die man ganz gerne schwingt, wenn man sich zufällig auf der
rechten Seite wähnt. Und ich vermute: Den Begriff vom Gefäß hat er von den
Angesprochenen übernommen – vielleicht auch als Antibild von dem, was dann an
Aufwertung voller Ehrerbietung für den Partner folgt.

Uns heutigen christlichen Moralisten sei im Blick auf die Ehe allerdings deutlich
gesagt: die Ehe zur neutestamentlichen Zeit hat wenig mit der Ehe, die wir so meinen:
Z.B. hat Jesus kein Wort gegen die Vielehe gesagt, die sich damals oft aus der
üblichen Schwagerehe oder Leviratsehe ergeben hatte: Wenn ein Bruder starb,
musste der nächste Bruder die Frau als eigene annehmen, auch wenn er schon eine
hat - und soll ihr möglichst auch Nachkommen schaffen. Dazu fordert das erste
Testament auf (5. Mose 25,5ff, 1. Mose 38,8; Mt. 22,24). Auch hier soll Verlässlichkeit
und Vertrauen herrschen – doch wie gesagt – unsere Ein-Ehe heute ist damit im
Wesentlichen kaum zu begründen!

Paulus, liebe Gemeinde, geht es genau besehen um die Abwehr einer Haltung, die
den anderen als einen für sich ausbeutbaren Gegenstand sieht: Den Partner oder
Partnerin ebenso wie ein Gegenüber im Handel. Gieriges Besitzen des Partners
wollen vor allem zu Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Das ist hier Unzucht. –
Gegenbild: Dem anderen mit Ehrerbietung, also Achtung und Respekt zu begegnen.
Modern gesprochen: Mit der so wichtigen Haltung der Wertschätzung. Der Haltung zu
der wir aufgebaut werden, durch die Zusage Gottes, dass er uns über alle Maßen und
ganz unabhängig von eigenem Leisten und Können, wertschätzt und liebt – wie es uns
Christus eröffnet hat.

Und dies ist doch, liebe Schwestern und Brüder, ein wunderbares Geschenk des Heils.
Anstatt den Partner zu Besitz und gieriger Ausbeute zu machen –frei zu werden, ihn
als eigenständige Persönlichkeit zu achten. Es sind Zerstörungen in uns selbst, die
uns dies verschließen. Letztlich die Verachtung von uns selbst in uns, die sich im Raub
am andern das Leben sichern will. Gerade hier aber kann die Botschaft Jesu heilen.
Wunderbar, soweit es gelingt. Heiligung schafft die Kraft zur Liebe: Die Erfahrung des
Himmels auf Erden.

Natürlich: Auch wenn wir in den Zusagen Jesu Heilung erfahren- wir sind hier nie
ausschließlich heil, oder: Heilig. Wir bleiben immer auch Kinder dieser Welt und ihren
Ängsten, die uns das klammern und gierig-ängstliches einverleiben lehren – wie wir es
überall sehen. Heiligung, heil werden, ist in unserem Leben ein nie endender Prozess.
Vollkommenheit ist im Werden, nie im Sein! Wehe dem, der seine eigene Leistung in
oft ja nur scheinbaren Halten von Geboten und guten Taten meint zum Besitz von Heil
und Heiligkeit zu machen. Der hätte von Paulus nichts verstanden.

Vielleicht, weil Paulus im Laufe der Zeit ahnte, dass seien Aussagen zu Moralkeulen
umfunktioniert werden könnten, schrieb er in späteren Briefen oft vorsichtiger: Im
Korintherbrief etwa, 5 Jahre später, setzt er zu seinen Überlegung zum Ehestand
folgendes hinzu: Das sage ich zu eurem eigenen Nutzen; nicht um euch einen Strick
um den Hals zu werfen, sondern damit es recht zugehe, und ihr stets und ungehindert
dem Herrn dienen könnt. (1. Korinther 7, 35)

Und noch später, als vielleicht mehr gereifter Mann, der auf die 50 zugeht, schrieb er
in seinem letzten Brief, dem Römerbrief, sehr viel demütiger über sich selbst:
Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen
habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. 19 Denn das Gute, das ich
will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.

Wohlbemerkt, liebe Schwestern und Brüder, damit hebt er seine Forderung nach dem
Halten der Gebote nicht auf, vor allem in ihrer Deutung nach dem dreifachen
Liebesgebot Jesu. Doch im Gegensatz zu jedem Moralisten bleibt er menschlich – und
kann dies bleiben, weil er im Gegenüber zu unserem Versagen stets die alles
überwindende Gnade Gottes stellt.

So. Und nun, liebe Schwestern und Brüder? Warum kommt dies nun heute, wo es
doch heute hier doch auch um unsere Gemeinde, um Wahlen und Leitung geht?
Wahrscheinlich ahnen sie schon, worauf ich hinaus will: Denn führen wir drei hier,
Philemon, Markt und Simon-Petrus – nicht auch so etwas wie eine Ehe – oder sagen
wir vielleicht besser eine Mènage o Trois? – was, wie gesagt ja nicht unbedingt gegen
das jesuanische Eheverständnis steht!

Das hinter allem stehende Liebesgebot sollte alle zwischenmenschlichen Beziehungen
unter Christen prägen - letztlich müsste unter uns Dreien also ein eheähnliches
Verhältnis stehen, indem wir uns mit Achtung und Respekt, Heiligkeit und Ehrerbietung
begegnen. Gier und Neigung zur Übervorteilung dürfe hier keinen Raum haben! Im
Gegenteil: Wir sollen dem andern Raum geben.

Und so könnte auch der Begriff des Gefäßes Sinn machen – wenn wir einander zum
schützenden Krug werden, indem wir ihn aufnehmen und lieben.
Das hieße, dass wir Christen der Drei Kirchen uns wagen, ein wenig von sich selbst
abzugeben, damit Raum in unseren Räumen entsteht für den andern – für
Veranstaltungen, Begegnungen, Äußerungen des andern: Dass wir ihn aufnehmen
und geschützten Raum geben mit seinen Arten und Unarten, seinen angenehmen
Seiten und seinen Unangenehmen, seinen Bravheiten und Absonderlichkeiten. Das
wir Gefäße für den andern werden. So wie Jesus uns zum Gefäß des Heils wurde.
So gesehen, kann – jetzt noch einmal auf die Partnerschaft liebender gesehen –
Gefäß sogar zu einem guten Begriff werden: Wenn wir einander wechselseitig zum
Gefäß werden.

Dazu am Schluss ein Liebesgedicht, dass diesen Gedanken weiterführt.
Es ist von Giaconda Belli und heißt „Wie ein Krug“ – und denken sie an die Liebe zu
Gott, zu einem Partner – wie auch die Liebe zu sich selbst:

In den guten Tagen mit Regen,
als unerschöpflich
wir uns liebten,
als wir uns einander
öffneten, einer dem andern,
wie heimliche Höhlen,
in diesen Tagen, Geliebter:
wie ein Krug fing mein Körper
all das weiche Wasser auf,
das du über mich strömen ließest,
und jetzt,
in diesen Tagen der Dürre,
wenn deine Abwesenheit die Haut
schmerzt und aufschürft,
fließt Wasser aus meinen Augen,
gesättigt von deinem Andenken,
und benetzt meinen trockenen Körper,
so leer und so voll von dir. (Giaconda Belli, Nicaragua)
Wer dies nur annäherungsweise zu einem Nächsten sagen kann – oder gar zu Gott,
der darf sich glücklich schätzten.
Amen